Heuschrecken und andere Probleme
Manche Themen gewinnen im Laufe der Zeit eine Dynamik, die ihnen anfangs nicht zugetraut wird. Die so genannte „Kapitalismuskritik“ vom SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering ist ein solches Beispiel. Zunächst als reines Wahlkampfgeplänkel im verzweifelten Kampf um die Macht im SPD-Stammland Nordrhein-Westfalen abgetan, entwickelt sich daraus eine Diskussion, die niemanden freuen kann.
Der Erfolg der Thesen Münteferings sagt dabei nichts über deren Richtigkeit aus. Genau das Gegenteil ist der Fall. Der SPD-Parteivorsitzende bedient mit seinen ökonomisch unsinnigen Äußerungen genau die Ängste vieler Bürger, die das Land lähmen. Zudem ist es einfach und bequem. Statt Lösungen zu entwickeln, sucht Müntefering Schuldige. Und die sind schnell ausgemacht: Es sind die „Raubtierkapitalisten“, die heuschreckengleich über Unternehmen oder sogar ganze Länder herfallen, diese ausplündern und nichts zurücklassen als eine öde, leere, von Arbeitslosen bevölkerte Steppe, auf der nichts mehr wächst. Eine andere Art der Spezies wiederum verlagert „wegen ein paar Prozent mehr Gewinn“ emotionslos Standorte ins Ausland.
Abgesehen von der wenig glücklichen Wortwahl des SPD-Mannes – Finanzinvestoren mit Ungeziefer zu vergleichen ist kein Ausdruck politischer Feinfühligkeit – den Aussagen fehlt auch jeder Bezug zur ökonomischen Realität. In dem von Protektionsschranken weit gehend befreiten Weltwirtschaftssystem muss sich jedes Unternehmen dem internationalen Wettbewerb stellen. Dies auch mit Konkurrenten aus Niedriglohnländern. Wollen die „Raubtierkapitalisten“ sich behaupten und damit Arbeitsplätze in Deutschland sichern, müssen sie preiswerter oder qualitativ besser sein. Wer das nicht schafft, verschwindet vom Markt. Da kann die Verlagerung von Teilen der Produktion also durchaus Arbeitsplätze auch hierzulande sichern.
Ulrich Hocker

