Europa muss erwachsen werden

Geht es um den Kapitalmarkt, kann den Europäern eins sicher nicht vorgeworfen werden: Antiamerikanismus. Das Gegenteil ist der Fall. Statt erwachsen zu werden, und eigene Regeln zu entwickeln, werden selbst unsinnige amerikanische Vorschriften übernommen. Die Folge ist eine völlig unnötige Überregulierung des Marktes. Besonders krasses Beispiel dieser Kritiklosigkeit der Europäer ist die so genannte Blackout-Periode rund um Börsengänge. Danach dürfen an einer Emission beteiligte Konsortialbanken zwei Wochen vor und 30 Tage nach erfolgtem IPO (Intial Public Offering) keine Unternehmensstudien über den Emittenten veröffentlichen. Selbst die Deutsche Börse hat diese Vorschrift übernommen.

Ihren Ursprung hat die Blackout-Periode in der Zeit, als in den USA Informationen noch mit Postkutschen durchs Land geschickt wurden. Damit auch Anleger im entlegensten Winkel des Landes denselben Wissensstand hatten wie die direkten Wall-Street-Anwohner, wurde den Konsortialbanken der Mund verboten. Eine durchaus sinnvolle Idee. Schließlich sollen alle die gleichen Chancen haben. In Europa gibt es ein besonders prominentes Beispiel für erfolgreiche Nutzung frühzeitig erhaltener Informationen. So profitierte vom Sieg Wellingtons über Napoleon in Waterloo vor allem ein gewisser Baron Rothschild. Er erfuhr als einer der ersten vom Erfolg der Briten. Eine Brieftaube überbrachte die Nachricht nach London. Rothschild kaufte englische Staatsanleihen und wurde reich. Heute sieht die Welt anders aus. Informationen erreichen in Sekundenschnelle noch den letzten Winkel des Erdballs. Keiner muss auf die sehnlich erwartete Postkutsche warten. Die Blackout-Periode ist aber nicht nur alt und überflüssig, sie ist auch schädlich. Je länger die Informationen der Allgemeinheit vorenthalten werden, desto größer ist die Gefahr, dass die wenigen Marktteilnehmer, die sie haben, daraus Vorteile ziehen.

Ulrich Hocker