Deutschland muss den Neid vergessen
Geht es in Deutschland um Gehälter von Vorständen ist die Empörung meist groß. Von Selbstbedienung ist dann die Rede, von Nieten in Nadelstreifen. Olaf Scholz, Ex-Generalsekretär der SPD, spricht gar von einer „Verhöhnung der arbeitenden Menschen in Deutschland“. Der Neid geht den Deutschen offenbar nicht aus. Und einige Politiker scheinen Heuchelei zur Kunstform erheben zu wollen. Wie ist es sonst beispielsweise zu verstehen, dass ein Vertreter des Bundesfinanzministeriums als Aufsichtsratsmitglied der Telekom einer Abfindungszahlung an den früheren Vorstandschef Ron Sommer zugestimmt hat, die auf rund elf Millionen Euro geschätzt wird? Von moralischer Entrüstung war damals aus Politikerkreisen nichts zu vernehmen. Gleiches gilt für die Gewerkschaftsseite, deren
Dilemma gerade im Mannesmann-Prozess am Beispiel des Ex-IG-Metall-Chefs Klaus Zwickel durchexerziert wird.
Klar ist: Ganz so einfach, wie es sich manche mit der Beurteilung der Vorstandsgehälter machen ist es nicht. Im europäischen Vergleich verdienen die Chefs deutscher Aktiengesellschaften nur durchschnittlich. Wenn die USA mit in die Betrachtung einbezogen werden, sogar eher unterdurchschnittlich. Auch hierzulande wird sich langsam aber sicher die Erkenntnis durchsetzen müssen, dass Leistung bezahlt werden muss. Wir befinden uns nicht nur, wenn es um Waren und Kapital geht, in einem weltweiten Wettbewerb, sondern auch was hochqualifiziertes Personal anbelangt.
Entscheidend ist letztlich nicht so sehr die Höhe sondern der Zusammenhang zwischen erbrachter Leistung und Gehalt. Wenn ein Unternehmen Gewinne macht, sich besser entwickelt als Wettbewerber, gibt es keinen Grund, warum die Führungsebene davon nicht profitieren sollte. Geht es allerdings bergab, müssen die zuständigen Vorstände dies ebenfalls an ihren Brieftaschen merken.
Ulrich Hocker

