Das System „Volkswagen“ lebt

Nach der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, dass weite Teile des sogenannten VW-Gesetzes mit europäischem Recht nicht vereinbar seien, keimte kurzfristig die Hoffnung auf, der Wolfsburger Autobauer könne nun endlich zu einem ganz normalen börsennotierten Unternehmen werden. Als dann noch die zwei Hauptfiguren des VW-Skandals, der frühere Personalchef und Regierungsberater Peter Hartz sowie der einst mächtigste deutsche Konzern-Betriebsrat, Klaus Volkert, gerichtlich verurteilt waren, bekam diese Hoffnung weitere Nahrung. Das „System Volkswagen“, das durch eine ungesunde Nähe von Management, Arbeitnehmervertretern und Politik gekennzeichnet war, die miteinander kungelten, sich gegenseitig Privilegien zuschanzten, schien tatsächlich überwunden zu sein. Doch die Realität zeigt ein völlig anderes Bild. Der damalige Konzernchef Ferdinand Piëch, der von den Missständen in seinem Unternehmen nichts gewusst haben will, steht heute an der Spitze des VW-Aufsichtsrats. Machtvoll wie eh und je bestimmt er nun von dort die Geschicke des Unternehmens. So sorgte er Ende 2006, natürlich mit Unterstützung der Betriebsräte, für den Sturz des damaligen Volkswagen-Vorstandschefs Pischetsrieder. Piëch ersetzte ihn durch ihm genehme Manager. Volkerts-Nachfolger Bernd Osterloh agitiert mit Unterstützung Piëchs gegen den neuen VW-Großaktionär Porsche. Und die SPD, die selbst mit einigen Abgeordneten tief in den Wolfsburger Skandal verwickelt ist, will durch eine Neufassung des VW-Gesetzes den Sondereinfluss von Politik und Betriebsrat auf Volkswagen so weit wie möglich erhalten. Dadurch wird der von den Aktionären gefeierte Einfluss von Porsche beschränkt. Das System, das Volkswagen zu Beginn des Jahrzehnts an den Rand des Ruins geführt hat, lebt offensichtlich munter weiter.

 

Ulrich Hocker