Das Börsenspiel: verliebt – verlobt – verheiratet
Im wirklichen Leben endet die Partnersuche nicht immer mit der erhofften Traumhochzeit. Häufig wird stattdessen eine mehr oder weniger rationale Zweckehe geschlossen. Nicht anders könnte es schon bald Europas Börsenbetreibern ergehen. Lange Zeit war der britische Handelsplatz London Stock Exchange (LSE) die heiß umworbene Braut. Immer wieder sprachen mit der Deutsche Börse AG aus Frankfurt und dem in Paris beheimateten Vier-Länder-Handelsplatz Euronext (Frankreich, Belgien, Niederlande, Portugal) hoffnungsfrohe Heiratswillige vor. Doch die LSE konnte sich für keinen der Bewerber so richtig erwärmen. Statt einen Kandidaten zur glücklichsten Börse der Welt zu machen, spielte die LSE ihre Rolle als Braut, die sich nicht traut.
Jetzt ist mit der amerikanischen Wachstumsbörse Nasdaq ein Interessent auf die Bühne getreten, der sich um europäische Etikette bei der Brautschau wenig kümmert. Statt sanft an die Pforte der LSE zu klopfen, tritt der neue Bewerber die Tür einfach ein, indem er sich über den Markt ein Paket von 15 Prozent an der LSE sicherte. Das dürfte in der Londoner City kaum Begeisterung ausgelöst haben, liebäugelt die LSE doch eher mit der New York Stock Exchange (NYSE).
Deren Chef hatte schon angekündigt, im Übernahmekampf eine wichtige Rolle spielen zu wollen. Konkrete Maßnahmen folgten allerdings nicht. Zudem wird ihm nachgesagt, eher an Deutscher Börse oder Euronext Interesse zu haben. Das klingt plausibel. Schließlich sind die Wachstumsmotoren im Börsengeschäft die Derivate-Handelsplätze. Eine solche gewinnbringende Plattform besitzen sowohl Frankfurt als auch Paris. London und New York müssen hier passen. Kommt also die Hochzeit Nasdaq/LSE zu Stande, scheinen die weiteren Vermählungen fast sicher. Zuerst fusionieren Euronext und Deutsche Börse. Dann geht der neue kontinentale Handelplatz mit der NYSE zusammen.
Ulrich Hocker

